Mikael "Micke" Johansson

Wer nicht mit ihm rechnet...

Sie hiessen ihn in Schweden despektierlich "Kalle Anka", den "Onkel Dagobert" aus den Donald-Duck-Comics. Langsam und bequem sei er halt geworden, gesättigt vom Geld, das er im Ausland verdiene. Und deshalb sei er in der Nationalmannschaft alles andere denn ein unverzichtbarer Wert geworden, war in den schwedischen Zeitungen in der ersten Maiwoche des Jahres 1995 zu lesen.

Und tags darauf, nach dem WM-Halbfinal gegen Kanada? Da hielten sie in farbigen Zeichnungen oder Bildserien Mikael Johanssons grosse Taten fest. Sein Schuss zum 2:2-Ausgleich, vor allem aber sein Overtime-Extra: Gleich zwei kanadischen Verteidigern nahm er da mit seinen Täuschungen und Kehren auf engstem Raum das Gleichgewicht, die Über- und Klarsicht. Pass zu Daniel Alfredsson - Tor, Schweden im Final.

Mit Johansson hatten sie nicht gerechnet. Dann kam diese Ausnahmeleistung - und fast gänzlich unbemerkt hatte sich "Kalle Anka" auch als bester schwedischer Punktesammler der Weltmeisterschaft etabliert.

Und wie war es von 1992 bis 1996 in der Schweiz? Nach dem ersten Viertel seines ersten Klotener Jahres sahen viele nicht den Wert des Schweden, weil sie ihn nur in Toren messen wollten. Vor dem ersten Final gegen Fribourg sprachen alle davon, dass niemand Bykow stoppen könne. Mit Johansson hatten sie nicht gerechnet. Doch Johansson kontrollierte Bykow. Ein Jahr später, als keine Verletzung mehr Bykows Niederlage entschuldigen konnte? Johansson stoppte ihn nicht nur, er dominierte ihn. Und als viele erwarteten, dass die Zuger Rauhbeine Fergus, Yaremchuk und Steffen den nur 180 cm grossen Schweden 1995 mit Schlägen und Checks ausschalten würden, war Johansson zwar im Gesicht vom Kampf gezeichnet, aber dennoch klarer Sieger. Gates Orlando und Gil Montandon vom SC Bern konnten 1996 tun, was sie wollten - Johansson war besser, steuerte seine Mitspieler viel gescheiter.

Zurückhaltung

Er trägt nicht Übernamen wie "das Tier", er heisst schlicht "Micke". Er liefert nicht die Sprüche, die für fette Schlagzeilen taugen. Wenn's ums Reden geht, gibt er freiwillig andern den Vortritt. Durch diese Zurückhaltung - sei es nach seinen Extraleistungen auf dem Eis oder auch im privaten Bereich gegenüber Leuten, die er nicht kennt - bleibt Johansson irgendwo im Hintergrund. Unfassbar. Und so vergessen viele, mit ihm zu rechnen, dass er einer der besten seines Fachs in Europa ist.

Und die ihn kennen? "Hat jemand etwas anderes erwartet?" fragte zum Beispiel Klotens Meistertrainer von 1992 bis 1994, Conny Evensson, als er im Frühling 1996 hörte, dass sich Johansson im Playoff wieder enorm gesteigert hatte. Es ist unerklärlich, aber es ist eine Tatsache: Immer wenn's wichtig wird, ist Johansson bereit - und wer nicht mit ihm rechnet, begeht einen Fehler. Der Winter 95/96 war beileibe nicht Johanssons bester in seiner Klotener Zeit. Im Herbst hatte er gesundheitliche Probleme, er musste sich umstellen, hatte nach Eldebrinks Abgang viel weitere Wege zu gehen und sass mehr als sonst üblich auf der Strafbank. Doch im Playoff konnte ihn keiner und nichts beeinflussen, da ging er wieder den klaren Weg, den er Kloten in seiner Zeit gewiesen hat.

Ingvar "Putte" Carlsson hatte dem Verein bei seinem Klotener Gastspiel als Nothelfer (1991/92) den Tip gegeben, den Djurgarden-Center als Nachfolger für Kent Nilsson zu verpflichten. Dieser Transfer war wohl die wichtigste Zutat der meisterlichen Mischung. Keiner sonst hat die Fähigkeit, sein Spiel zu variieren, wie Johansson. Der Trainer kann mitten im Spiel sagen: "Geh, wenn wir die Scheibe nicht haben, einen Meter weiter zurück" - Johansson macht es vom nächsten Einsatz an, auf den Zentimeter genau. Auf ihn ist Verlass, in jeder Beziehung.

Den grossen Bruder überholt

1988, als "Micke" nur der kleine Bruder von Kent Johansson war, sagte sein Nationaltrainer Curt Lindström: "Der Kleine wird einmal besser als der Grosse." Die zwei sind von der Spielart her derart verschieden, dass Vergleiche nicht so einfach zu ziehen sind, aber "Micke", der Vorbereiter, Defensiv-Arbeiter und Zauberkünstler, hat in der Schweiz "Kenta", den Vollstrecker, um einen Titel überholt. Und während acht Jahren konnte er jährlich mindestens einmal Gold feiern: 1989, 1990 und 1991 Meister in Schweden mit Djurgarden, 1991 Weltmeister, 1991 und 1992 Europacupsieger, 1993, 1994, 1995 und 1996 Schweizer Meister.

Johansson steht in der Position des Vorarbeiters auf dem Eis. Denn trotz seiner Ausnahmeklasse verzichtet er darauf, eine Ausnahmestellung im Team einzunehmen. Aus klubpolitischen Diskussionen hält er sich raus. "Als Profi habe ich die Entscheide der Führung zu akzeptieren." Er lässt Taten statt Worte sprechen. Und gibt so auf dem Eis auf Provokationen, Schläge und bösartige Attacken die beste Antwort.

Gleichgewicht, Über- oder Klarsicht verlieren höchstens seine Gegner.

Statistiken

Er ist am Besten, wenn die Spannung und die Herausforderung maximal sind.
John Slettvoll:
Der Meister der körperlosen Checks.